Emilus´s kleine Weihnachtsgeschichte

                                Weihnachten ist nichts für Weicheier

Weihnachtszeit, ab zurück zu den Wurzeln. Ich pilgere mal wieder durch den Stuttgarter Westen. Hier in diesem Stadtteil bin ich aufgewachsen. Erinnerungen werden wach – war das Weihnachtsfest früher schöner?
Sie war zumindest eine Challenge, für das Leben. Ja ist ja gut, jetzt kommen die jungen Erdlinge wieder aus allen Löchern um dem alten Mann zu signalisieren: »Hey Alter deine alten Weihnachtsgeschichten törnen keine Sau mehr an«. Ja was soll ich den jungen Influencern, alles und Neunmalschlaue antworten? Das schöne am Älterwerden in eine gewisse Gelassenheit, eine innere Ruhe, die sich wie ein Schleier über dem Zerebrum (Hirnkasten) ausbreitet. Doch eine Antwort hätte ich dann doch: »Weihnachten war nichts für Weicheier!«
Mein Nostalgiewanderweg führte mich vom ehemaligen Westbahnhof hinunter zum Stadtteil Vogelsang. Dazwischen lag unsere ehemalige Schlittenbahn, die wohl in Rente ging, als der kleine Emilius ins Teenageralter kam. Die Bobbahn von Cortina d’Ampezzo war Kinderkarussell gegen unsere Teufelsabfahrt. Um die Weihnachtszeit versammelten sich Unmengen von todesmutigen Abfahrern.
Freunde, jetzt wird es übernatürlich, wir hatten weder Helm noch andere Schutzkleidung am Leibe. Wir fuhren mit donnernder Geschwindigkeit von der Oberen Paulusstraße zum SG Stuttgart-West-Sportplatz hinunter. Heute heißt es Zutritt verboten, ein riesiger Zaun hindert die Schlittenfahrer (wenn es noch welche gibt) daran, dieses Stück Gras zu betreten. Dieses ganze Sicherheitsdenken kann einem manchmal ganz schön auf den Nerv gehen. Ja, anders kann ich mir diese Maßnahmen nicht erklären. Oder ist es dem Klimawandel geschuldet? Wenn unsere Schlittenbahn noch nicht richtig präpariert war oder es die Schneeverhältnisse nicht zuließen, waren wir halt auf dem Bolzplatz. Es gab nichts Schöneres als bei Eis und Schnee Fußball zu spielen, besonders unsere Eltern freuten sich, wenn wir triefend nass nach Hause kamen. Von wegen Knie oder Schienbeinschützer. Eine blutende Wunde war ein Qualitätssiegel und zeugte von Kompromisslosigkeit. Heute sind die Bolzplätze schon bei Nieselregen wie leergefegt. Ja heute kann man bei schlechtem Wetter Fußball zuhause am PC spielen.
Aber wollen wir nicht vom eigentlichen Thema abschweifen. Die bekannten Wege ließen die Erinnerungen an die damalige Vorweihnachtszeit wieder auferstehen. 
Waren damals mehr Weihnachtslichter auf den Balkonen, waren in den Schaufenstern mehr bunte Weihnachtskugeln als heute? Spielwaren Kurtz am Marktplatz hatte jährlich eine epische Eisenbahnlandschaft im Schaufenster. Wir Viertelwüchsigen drückten uns die Nasen an den Schaufenstern platt. Ein unbeschreiblicher Duft wehte vom angrenzenden Weihnachtsmarkt herüber. Aus den Schaufenstern, des heutigen Edelkaufhaus Breuninger strahlten die Glaskugeln mit den Weihnachtsmännern um die Wette. Heutzutage schreit eine Handtasche in der Größe einer Streichholzschachtel zum Preis von 825 Euro „Kennenlernangebot“. 
Das Schöne am Menschen ist ja, dass man sich in Erinnerungen berauschen kann und diese meistens positiv ausfallen, weil wir die Eigenschaft haben, alles Negative auszublenden (außer die Körbe bei den Mädchen, die sich der kleine Emilius damals reihenweise erhascht hatte).
Weihnachten war eine echte Überlebendsfeier! Leute wir hatten echte Kerzen am Weihnachtsbaum. Ich spreche von offenem Feuer. Keine energiesparende LED Lichtlein. Feuerlöscher Fehlanzeige. Wäre was schiefgelaufen, die ganze Bude hätte sich in eine Weihnachtsbotschaft verwandelt. Wir mussten Peter Alexander, Rudi Carrell, Heintje oder Peter Frankenfeld in vorweihnachtlichen Fersehshows ertragen (verflucht und es war geil). Freunde der Glaskugeln, ob ihrs glaubt oder nicht. Wir haben selbst Weihnachtslieder gesungen. Nein nicht im kleinen Kämmerlein, sondern öffentlich, draußen auf der Straße. Unter der Anleitung eines Lehrers aus der Nachbarschaft gab es, »vom Himmel hoch, über Stille Nacht bis zu oh Tannenbaum«, auf die Ohren. 
Die Gedanken ließen die Zeit dahinschwinden, Vogelsang, meine ehemalige Heimat sagte, hallo zu mir. Wieder fingen die kleinen LED-Lichtlein in meinem Kopf zu blinken an.
Kennt ihr auch noch die vorweihnachtliche Atmosphäre, die sich auf den Straßen abspielte? Stuttgart-West war damals noch ein gallisches Dorf, am Rande der Großstadt.
Es gab noch kleine Läden, nicht so wie heute unpersönliche Einkaufszentren. Man traf die Menschen noch auf der Straße, alles war ein Stück weit persönlicher. »Frau Müller, wie viele verschiedene Weihnachtsgutsle haben Sie dieses Jahr gemacht«? »Herr Hugenstätt, was schenken Sie dieses Jahr Ihrer Frau«? So und ähnlich lauteten die Fragen. »Sie haben dieses Jahr aber einen kleinen Christbaum, Frau Pollenstett, isch des Jahr net so guat glaufa«? Ja, man sprach miteinander und fieberte dem Heiligen Abend entgegen. Was gab es damals noch für tolle Einkaufsläden? Beim Metzger ein weihnachtliches Schwätzle, beim Bäcker konntest du dein Leid klagen, und wenn die Schuhe kaputt waren, wurden sie nicht weggeworfen, sondern zum Schuhmacher gebracht – da erfuhr man garantiert alles über die neureichen Nachbarn. Im Umkreis von 400 Metern gab es drei Metzger und drei Bäcker. Bäcker Bauer machte die besten Brezeln, Bäcker Wein das beste Brot und Bäcker Gerberich die besten Käsekuchen. Und eins hatten sie alle gemeinsam: Es duftete zur Weihnachtszeit einfach himmlischer denn je. Es gab sogar noch ein echtes Tabakwaren-Geschäft – Tabak Schnabel sorgte dafür, dass über die Festtage der Qualm nicht erlosch. Ja, man musste miteinander sprechen. „Emilius, wie ischen dei Halbjahreszeugnis ausgefallen? Hast du dir a Weihnachtsgeschenkle verdient?“ Selbst wenn's keiner glaubt: ich war damals blitzschnell, blitzschnell weg. Weihnachten war die härteste Zeit des Jahres.

Der Nikolaus war ein Thema für sich. Santa Claus trug ständig eine Rute bei sich, einen Sack, wo genug Platz für zwei kleine Emiliusse war. Die heutigen Eltern würden entsetzt sein, wenn ihre Sprösslinge von einem altgedienten, weißbärtigen Mann bedroht würden. Unsere Eltern jedoch hatten eine diebische Freude daran, ihre Abkömmlinge schlottern zu sehen.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit meiner Oma auf dem Marktplatz in Stuttgart stand und der Nikolaus eine Rede vom Rathausbalkon hielt: „So, liebe Kinder, jetzt kommt ich runtergestiegen und verteile an die braven Kinder Bratäpfel.“ Brave Kinder? Da beschlich mich ein komisches Gefühl: Beim Fußball hatte ich eine Woche zuvor mit einem Harten-Schuss das Tor des Monats geknackt – nur das Garagenfenster dahinter habe ich ignoriert. Verdacht: Der dicke Mann im roten Kostüm wusste Bescheid. Ich tat so, als hätte ich ein Immunsystem-Defizit, und Oma sagte liebevoll: „Buale no müssa mer hoim.“ Es lag nicht nur am zersplitterten Fenster. Mal ehrlich: Wer mag Bratäpfel?

Weihnachten war Stress, Panik, Furcht – wie eine bunt gemischte Fünf-Minuten-Terrine. Gibt es noch Kinder, die an Weihnachten wirklich mit der Eisenbahn spielen? Nicht am PC, nein, richtig mit Märklin, Trix oder Fleischmann. Für uns Kniebeißer war das die nächste Quälerei. Die Erwachsenen bauten das Ganze zwei Tage vor Weihnachten auf und testeten ausgiebig – wir durften erst am Heiligen Abend damit spielen. Sag heute zu einem Abkömmling, er dürfe erst am Heiligen Abend spielen – der holt sein iPhone 14 Pro Max raus und ruft die nächste Kinderschutzorganisation an. Wir hatten zwei Blechbüchsen (das Schnurtelefonchen). Beschwerden waren damit nicht nachhaltig zu klären.

Meine kleine Weihnachtsreise geht zu Ende. Wisst ihr was? Ich neige zu Übertreibungen. 
Weihnachten war damals zwar hart, aber ehrlich gesagt als Kinder einfach wunderschön! Und heute? Wenn ich in die Augen der Kinder und meiner Enkel schaue, hat das Fest nichts von seinem Glanz verloren. Durch Kinderaugen sieht man Zeit stillstehen – und genau das macht das Fest der Liebe so einmalig. Noch ein paar Tage, dann ist Heiligabend 2025 schon wieder vorbei. Genießen wir die Zeit, in der wir innehalten können und die Wahnsinnstretmühle für ein paar Tage beiseiteschieben. Wir denken an die, die nicht mehr unter uns sind. Mit unseren Liebsten ein Fest feiern, unbeschwert und voller Freude. Das ist Weihnachten! Der Wahnsinn kehrt früh genug zurück!

Ich wünsche euch allen von Herzen schöne Weihnachten und ein megagutes Neues Jahr.

Euer Emilius B.

PS: Un a bissle Weicheier sen die Jonge scho!!