Emilius der Retter des Vaterlands

Teil 1

Guten Morgen Soldaten! 
Zackig kam der Gruß von Hartmann, Oberstleutnant Hartmann! Müde, verschlafen kamen die guten Morgen aus den achtzehn Reservistenmäulern zurück.
Krailing bei München 1985, Reservistenübung der Bundeswehr. »Warum, weshalb ausgerechnet ich?« Mich Emilius, den Supersoldat, der sieben Tage fahnenflüchtig war, der als Kanonier eingezogen wurde, der als Kanonier nach fünfzehn Monaten, plus einer Woche nachdienen das Weite suchte. 
Soldat Emilius Bibberle dem es wichtiger erschien, in seinem Stammlokal abzuhängen, angekettet an bunten alkoholischen Getränken und nicht zu vergessen an einer zartanmuteten Rothaarigen, die mir eine Woche lang zeigte das es bedeutsameres gab, als im Dienst für die Bundesrepublik Deutschland das Vaterland zu verteidigen. Zumal sie Waffen besaß, gegen die sich sogar so ein mutiger Soldat wie ich es war, nicht zur Wehr setzen konnte.
Ich war mir sicher, das muss ein Missverständnis sein, als der jugendhafte Emilius morgens am Stuttgarter Hauptbahnhof stand und den Zug nach München bestieg. Doch schnell bemerkte ich die Angelegenheit Reserveübung ist Realität. Heidewitzka hatte ich Bock! 
Der Retter des Vaterlandes, der Patriot der Wehrhaftigkeit war auf dem Weg zu seiner Einheit!
Meiner Unwichtigkeit war es vergönnt einen eminenten Menschen kennenlernen.
Hartmann, Oberstleutnant Hartmann, der die Sache wohl ein wenig ernster nahm, wie ich.
Hartmann, ein Aushängeschild der Landesverteidigung. Zackiger gradliniger Haarschnitt, kurzum ein Soldat wie es sich Darth Vader für seine Sturmtruppen gewünscht hätte.
»Durchzäählen«, hallte es über den kargen Kasernenhof. 
Es war Juni, eigentlich ein erquicklicher Vormittag. Auf irgendeine Art bremste der Mann vor mir, meine Sonneneuphorie. 
Hartmann war kleiner als ich und das sollte bei meinen 169 cm Körpergröße ein Sammlerstück bedeuten. Jedoch hatte er ein Organ, wo mich der Gedanke beschlich, ob ihn seine Mutter früher an ihrer Brust verhungern ließ. 
»Durchzäählen«, untermauerte er seine Ansage.
»Eins, zwei, drei, vier.«
Nach neun war ich an der Reihe.
»Elf!« Oh ja ich war schon immer ein Obrigkeitenrevolutionär. 
»Soldat kennen sie nicht das kleine Einmaleins? Sind sie zu blöd, um auf zehn zu zählen?«, sagte er in schroffer Lautstärke. Irgendwie bemerkte ich in der schändlichen Region meines Zerebrums, das Feinbild der kommenden Woche war auserkoren.
Die Mitgefangenen der Reservistenrunde schienen es sehr amüsant zu finden. Im besonderen Krümel, der sich mir so vorstellte, sorgte für ein kleines Erdbeben. 
Krümel?
Neben mir stand ein Mann, zirka 198 groß, Oberarme wie ich Oberschenkel. Ein T-Shirt mit »Give Peace Chance Logo« darauf und seine Haarpracht, hätte ich mir an die Knöchel tackern können. Seinen Beruf ordnete ich im freiberuflichen Gewerbe ein. Damenschützer vermutete ich.
»Durchzählen!«, brüllte mein Freund Hartmann wiederholt.
»Eins, zwei, drei, vier.«
Wie aus dem Nichts schnappten mich zwei Hände, die sich anfühlten wie Baggerschaufeln. Krümel versetzte den kleinen Emilius auf seinen Platz und nahm ohne mit der Wimper zu zucken den meinen ein.
Wieder näherte sich die Aufzählung. Ich bemerkte, wie mich zweiunddreißig Augenpaare musterten. Bei Krümel konnte ich es leider nicht sehen.
»Zehn«, antwortete ich in einem seichten Tonfall, dabei fiel mir auf, wie mein Augenlid nach oben zuckte und einen leicht dünkelhaften Gesichtszug an den Tag legte.
»Soldat wollen sie mich verarschen?«, brüllte Hartmann.
Mir lag ein leichtes Jahr »ja«, auf den Lippen, jedoch wollte ich die Sache nicht schon am ersten Tag auf die Spitze treiben.
»Neun, neun sind sie!«
»Bin versetzt worden«, sagte ich im zackigem Ton.
Krümel schien sich die Gesamtheit des Wortgefechtes aus einer sicheren Höhe aufzusaugen.
Hartmann hatte es nicht verstanden und stampfte in seinen frisch gebohnerten Springerstiefel auf mich zu.
Mir kam der Film, »Zwölf Uhr mittags« in den Sinn
Auge um Auge standen wir uns gegenüber. Ich bemerkte, dass auf seiner linken Wange eine erbsengroße Warze ihre Heimat gefunden hatte,
»Wie heißen sie«, brüllte er in astreinem Hochdeutsch.
»Bibberle«
»Wie?«
»Bibberle, Emilius Bibberle, Sohn von Emil Bibberle.«
»Sie sind wohl ein ganz ein Schlauer? Keine Sorge mein Freund wir werden uns diese Woche noch präziser kennenlernen.«
»Würde mich freuen«, entgegnete ich ihm.
»Uns sie da oben hören auf zu lachen.«
Er meinte Krümel. Ich hatte einen Verbündeten.
Ich hasste das Militär. Männer-Hierachien waren mir schon immer ein Dorn im Auge. Menschen die den Krieg ernster, als das Leben nehmen sind nicht das Ding von Emilius. Ständiges Stillgestanden, in Reihen marschieren oder mit der Hand an der Stirn lauter Unbekannte grüßen, nur weil sie ein paar Sternchen am Hemd haben, verursachen Würgereiz in meinem Organsystem.

Am nächsten Tag standen Schießübungen auf dem Programm. Meine Schüsse landeten überall, nur nicht auf der Scheibe. Dafür hatte mich Hartmann konsequent im Visier.
»Bibberle«, sagte er mit blasierter Stimme. »Können sie überhaupt etwas?«
Ich schaute ihn mit großen Augen an. Seine Warze glänzte in der Sonne.
»Ja leckere Spagetti Bolognese kochen«, antwortete ich mit sanfter verhaltener Stimme. 
Mehr sagte ich nicht, was ihn in eine gewisse Ratlosigkeit stürzte.
Seinen pulsierenden Adern im Stirnbereich sah man an, dass er mit so einer Antwort überfordert war. 
Seine Rache folgte eine Stunde später.
»Alle Mann zum Gewehr reinigen«, plärrte er.
Man sah ihm an, dass nur die Ansage dazu, bei Hartmann ein wolliges, orgasmusnahes Gefühl auslöste.
Krümel und ich zogen uns auf das Zimmer, bei der Bundeswehr Stube genannt zurück. Reinigungsbürsten ein paarmal durchgezogen und wir waren uns sicher, der Gewehrlauf glänzt wie ein frisch eingeölter Bikini Popo.
Hartmann ließ sich erst das Gewehr von Krümel reichen. Kürzer Blick durch denn Lauf.
»Sehr gut Soldat vorbildlich!«
Ich war an der Reihe.
»Biiibbberleeeeee sind sie des Wahnsinns Prophet. Da befinden sich ja lauter Elefanten im Rohr.« Der Spruch mit den Dickhäutern kam mir aus der Grundausbildung vertraut vor. 
»Zurück auf ihre Stube! Kommen sie in einer Stunde wieder«, kläffte er wie ein auf den Schwanz getretener Hund.
Mein Gewehr sah nach kurzer Überprüfung mit Krümels Schießeisen kein Körnchen anders aus. Der Warzenmann spielte seine Herrschaftsgewalt aus. Zudem schien es, als sei er bei Krümels äußere Erscheinung an die Grenzen seiner Autorität gelangt. 
»Hey Bibberle, komm wir haben eine Stunde, lass uns in die Kantine abtreten.«
Gesagt, getan, das Dreamteam Reserve brach auf, um etwas gegen die Dehydrierung zu unternehmen. Trinken ist wichtig vor allen Dingen in Stresssituationen. Häufige Folgen machen sich bemerkt in Muskelkrämpfe, Verstopfung und Übelkeit, sowie können sie zu Kreislaufproblemen führen. In sehr drastischen Fällen kann es zu Nierenversagen, Bewusstlosigkeit und sogar zum Tode führen. Nein dieses Hasardspiel wollte ich nicht eingehen. Aus einer Stunde wurden letztendlich drei. Die bayrischen Hopfengetränke verfehlten nicht ihre Wirkung. Es wurde gesellig in der Bundeswehr-Kantine in Krailing. Vergessen waren irgendwelche Dickhäuter in Gewehrläufen. Krümel stellte sich als Gottlob raus und sein Beruf war alles andere als ein Rotlichtjob. Erzieher in einem Kindergarten. So kann man sich täuschen. Nicht täuschen konnte ich mich auf dem Heimweg ins Schlafgemach, wie man die Etablissements in der Kaserne nennt. Schon von weitem zog H-Man, von den Masters of the Universe seine Runden auf der Grasfläche. Er wartete auf den Mann seines Herzens. Sprich auf mich.
»Biiiiberle«, rief er mit tränenerstickter Stimme.
»Ich komme Herr Kommandeur, Herr Heerführer, Herr Befehlshaber « antwortete ich mit seliger Bierstimme.
»Folgen sie mir in mein Büro!«
Ich nahm schwunglos die Verfolgung auf.
Kaum hatte er sich im Stuhl niedergelassen, bemerkte ich einen gewissen Zorn in seinem Gesichtsausdruck. Zwar war er dank des bayrischen Bieres weichgezeichnet, dennoch erspürte ich ein schlechtes Karma, das den Raum flutete. 
»Biiibberle stillgestanden«, donnerte er wie von Sinnen.
Ich konzentrierte mich und bemühte alle Muskeln, um nicht umzufallen.
»Sie«, 
Das Erste »sie« zog er in die Länge, wie beim Stimmen einer Gitarrensaite.
»Sie Bibberle wollen mich vernichten, fertig machen. Oh nein, dass schaffen sie nicht.«
Dann gab der Mann mit der Warze alles. Es kam der Satz, der mich ein Leben lang auf die Stufe eines Quertreibers der Republik hievte. 
»Biiibberle sie gefährten die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland! Sie passen hier her, wie Godzilla zu Japan. Sie trampeln alles nieder, wofür aufrechte Deutsche ihr Leben opfern würden.«
Die Nato schien kurz vor ihrem Zusammenbruch. Statt die Klappe zu halten, schickte irgendein verfluchter Botenstoff, Blitze zum Hirnkasten.
Es war wie eine Notdurft in meinem Denkapparat. Nicht gewolltes Lachen öffnete sich bei mir den Weg nach draußen. Ein Lachkrampf schüttelte entgegen meines Willens den ganzen Körper.
Hartmann schäumte vor Wut. Wie Aladin auf dem fliegenden Teppich, wie Apollo 11 auf der Startrampe, schien er aus seinem Sessel nach oben zu schweben. Sein feuerrotes Gesicht sah aus wie die Positionslichter eines Düsenjets. Oder war er gar der Teufel in Uniform?
»Was lachen sie?«
»Sie machen Witze Herr Kommandeur?«, antwortete ich.
»Ich mach aus ihnen gleich einen Witz! Verschwinden sie aus meinem Büro, geeehn sie mir aus den Augen!«
»Oh nachhause?«, fragte ich. 
»Von wegen Bibberle wir sehen uns morgen früh und ich verspreche ihnen sie werden noch lange an mich denken!«
»Im Ernst?«
»Raus«!

......Fortsetzung folgt